Wikinger Chaos(s)tage

Man trifft sich immer zweimal im Leben… Die erfahrene Beifahrerin Tanja Geilhausen kenne ich noch aus meiner Zeit im Suzuki Rallye Cup und erinnere mich noch gerne an unsere interessanten und offenen Gespräche während und nach den Rallyes zurück. Heute betreut sie zusammen mit Ehemann und Rallyefahrer Sven Haaf und der Pro-Drivers Automotive Event Agentur die in diesem Jahr erstmals ausgetragene Citroen DS3 D1 Trophy.

Nach dem ersten Lauf der Trophy erhielt ich einen Anruf von ihr. Sie hätte da einen 20-jährigen Fahrer, der vor allem auf Rundkursen mit beeindruckenden Zeiten auf sich aufmerksam machte, aber eindeutig noch Probleme zu haben schien, wenn es auf die normalen Wertungsprüfungen ging, wo das Vertrauen in Aufschrieb und Beifahrer um ein vielfaches höher ist. Michael Wolters kommt eigentlich vom Rundstreckensport, was zumindest seine Stärke auf Rundkursen erklärt, und entschied sich im Laufe des letzten Jahres zum Rallyesport zu wechseln. Die Initiative verschiedener Automobilkonzerne in Deutschland einen eigenen Cup durchzuführen, kam ihm dabei ganz gelegen. Um Erfahrungen zu sammeln und sein Talent zu zeigen, fiel seine Entscheidung schließlich pro Citroen Trophy. Der Kontakt zu ihm war schnell hergestellt und wir einigten uns auf vorerst zwei Veranstaltungen mit der Option auf weitere gemeinsame Einsätze. Unsere erste gemeinsame Rallye: die Wikinger Rallye 2013, an die sich Teilnehmer und Veranstalter noch ein Leben lang erinnern werden…

Von der perfekten Organisation der Wikinger Rallye und ihren tollen Strecken habe ich bisher immer nur Gutes gehört. Doch der Frühling, der eigentlich ein Winter sein möchte, hielt auch die norddeutschen Angeln fest in seinem eisigen Bann. Schon im Vorfeld hatten die Veranstalter mit den Wetterbedingungen zu kämpfen und die Wertungsprüfungen (WP) im befahrbaren Zustand zu halten. Orkanartige Ostwinde mit Schneefall sorgten für bis zu zwei Meter hohe Schneeverwehungen, die sich wenn, dann nur mit schwerem Einsatzgerat kontrollieren ließen. Dass dies keine einfache Rallye für uns werden würde, war von daher schon beim Abfahren klar.

Vor dem Freitagstart entschieden wir uns für eine eher defensive Strategie. Zum einen, weil Michael keine Erfahrung unter diesen Bedingungen hatte (Wer hat die schon?) und zum anderen, weil wir hofften, dass sich unsere Konkurrenten irgendwann selbst ins Aus manövrieren würden. Dementsprechend fuhren wir am Anfang noch sehr vorsichtig und verhalten. Allerdings steigerte sich Michael auch zusehends und konnte trotz eines zeitraubenden Ausrutschers im Dunkeln 16 Sekunden schneller fahren als im Hellen. Im Vergleich zu den starken Auftritten eines Julius Tannerts, Felix Herbolds oder Philip Knofs, verpuffte die Leistung jedoch etwas. Was diese drei für Zeiten in die Schneewehen frästen zollte allen, die den Freitag "überlebten" hohen Respekt ab. Die Frage die mich über Nacht beschäftigte war, wie lange das noch gut gehen würde…

Um es vorweg zu nehmen. Für die drei ging es gut - für uns hingegen nicht. 6 Minuten steckten wir auf der ersten WP am Samstagmorgen im Schnee fest. Wie ein Irrer schaufelte ich immer mehr Schnee unter dem Auto hervor. Doch es tat sich nichts – bis endlich Hilfe durch vier Zuschauer kam. Gemeinsam schafften wir es den Citroen zu befreien. Wegen Unbefahrbarkeit wurden die darauffolgenden drei WPs abgesagt. Die ewig lange Mittagspause verkürzte ich mir durch ein kleines und wohlverdientes Nickerchen.

Unsere Unglücks-WP musste am Nachmittag ein zweites mal gefahren werden und Michael wollte noch das Beste aus der Rallye mitnehmen und die restlichen WPs nutzen, um Dinge auszuprobieren. Ich empfahl ihm mehr mit der Handbremse zu arbeiten, um das Auto in den Kurven besser und sicherer zu positionieren. Obwohl er vorher die Handbremse immer nur zum Parken nutzte, verstand er das Prinzip ziemlich schnell. Allerdings wurde unser Vordrang jäh gestoppt, nachdem sich ein Fahrzeug vor uns in einer Schneewehe festfuhr, die Strecke blockierte und erst durch einen Traktor geborgen werden musste. Ironie des Schicksals: einen Kilometer später brauchten wir den selben Traktor für unsere eigene Bergung. Wahrscheinlich nur eine von vielen Anekdoten, die diese Rallye schrieb.

Aus Sicherheitsgründen entschied die Rallyeleitung nur noch die zwei Stadtrundkurse in Süderbrarup fahren zu lassen. Ich war gespannt, wie sich Michael bei seiner „Spezialität" anstellen würde. Und siehe da, sobald die Reifen etwas Haftung aufbauen, gibt es für ihn kein Halten mehr. Wir verloren zwar etwas Zeit nachdem wir uns mit kalten Reifen verbremsten und frontal gegen einen Verkehrspiegel fuhren, aber den Rest schien er voll unter Kontrolle zu haben. Im zweiten Durchgang konnte wir auf einen besseren Reifen wechseln und noch einmal mit einer drittbesten Zeit aufhorchen lassen.

Am Ende reichte es für uns zu einem fünften Platz in der Trophy-Wertung. Doch das war eigentlich völlig nebensächlich, denn letztendlich war jeder der das Ziel erreichte ein wahrer Wikinger. Und der grösste von ihnen war der Veranstalter selbst, weil er um die Durchführung jeder einzelnen Prüfung gekämpft hat und alles mögliche versuchte Herr der Lage zu werden. Auch die Weitsicht zu haben und im Sinne der Teams zu wissen, wann man aufhören soll, kann man ihm nicht hoch genug anrechnen.

”WIKINGER RALLYE 2013 : ICH WAR DABEI